Mit Rückenwind in die Winterpause

Stuttgarter Segel-Club hat in Viola Loos eine baden-württembergische Jugendmeisterin und zieht positive Saisonbilanz

Langsam aber sicher ist der Herbst bei uns angekommen. Einhergehend mit den sinkenden Temperaturen streicht man auch im Vereinsheim des Stuttgarter Segel-Clubs am Max-Eyth-See die Segel für diese Saison. Der traditionsreiche Verein mit über 400 Mitgliedern kann dabei auf eine erfolgreiche Saison zurückblicken – unter anderem mit Erfolgen der 19-jährigen Viola Loos, die in der Europe-Bootsklasse bereits zum dritten Mal in Folge den baden-württembergischen Jugendmeistertitel nach Hofen holte.
Lange ist der Triumph vom Starnberger See noch nicht her und so erzählt Viola Loos auch im Spätherbst, vor kurzem während der Absegelregatta ihres Heimatvereins am Max-Eyth-See, noch stolz von der gelungenen Verteidigung ihres Titels. Klar sei das in der prominenten Position einer zweifachen Titelverteidigerin nicht einfach gewesen: „Der Druck ist definitiv höher bei einer Titelverteidigung. Meinen ersten Coup habe ich noch mit relativer Leichtigkeit gelandet, dieses Jahr war es allein wegen der Favoritenrolle eine größere Herausforderung.“ Doch die Maschinenbaustudentin im dritten Semester trotzte den zahlreichen Unwägbarkeiten und kämpfte sich bei der viertägigen Regatta erneut ganz nach oben aufs Treppchen. Dabei traf sie in diesem Jahr sogar auf Konkurrenz aus dem benachbarten Bayern: Erstmals hatte man die Landesjugendmeisterschaften der zwei süddeutschen Verbände in der Hoffnung auf höhere Anmeldezahlen zusammengelegt. Wie auch in den vergangenen Jahren sei die Konkurrenz unverändert stark gewesen, der Risikofaktor „unbekannter See“ macht der 19-Jährigen hingegen fast gar nichts mehr aus. Schließlich ist jede Wasserfläche eine neue Herausforderung, viel Einstellung auf die neuen Fallstricke im Gewässer bleibt da nicht: „Man kann sich zwar den Wetterbericht anschauen oder Karten studieren. Viele Praxistests hat man vor dem offiziellen Start aber nie.“ Auch die Übungssituation in der Heimat ist für Viola Loos oft alles andere als optimal.

WM-Teilnahme als Ziel
Die Studentin wohnt in Freiberg am Neckar und pendelt somit zum Vereinsheim am Max-Eyth-See, der für sie mehr als eine halbe Stunde entfernt liegt. Selbst die ehemalige Kiesgrube und das heutige Naherholungsgebiet ist schwierig zu besegeln, wie Vorstandsmitglied Oliver Jooß lachend im Gespräch anmerkt: „Für Anfänger ist dieser See hier echt ideal, weil man immer ein sicheres Ufer in der Nähe hat.“ Für die Fortgeschrittenen ist es da schon schwieriger: „Wir haben hier keinen beständigen Wind aufgrund der Kessellage. Für einige spezifische Trainingsinhalte ist er außerdem zu klein.“ Trotzdem ist die frischgebackene baden-württembergische Jugendmeisterin häufig in Hofen anzutreffen – so oft es eben das Studium zulässt. Stressig ist diese Doppelbelastung gerade in der Prüfungszeit schon, gibt Loos achselzuckend zu. Aber ihr sportliches Hobby deswegen zu missen, sei auch keine Option. Nicht, seitdem sie vom Vater in jüngsten Jahren mit dem „Segler-Gen“ infiziert wurde: „Auf dem Boot meines Vaters habe ich das Segeln von klein auf gelernt. Irgendwann habe ich dann mein Eigenes bekommen. Der Schritt in den Vereinssport war daraufhin nur noch logisch.“ Vor fünf Jahren trat sie in den Stuttgarter Segel-Club ein, fand mit dem leichten aber anspruchsvollen Europe Segelboot ihre sportliche Heimat und ist seitdem für den Verein auf zahlreichen Regatten im Jahr unterwegs. Für Viola Loos scheint Segeln beinahe wie eine Mentalität, deren Beschreibung der passionierten Wassersportlerin daher auch eher schwer fällt: „Ich habe es einfach immer schon gemocht, auf einem Boot zu sitzen. Mich fasziniert es, dass sich so ein Sportgerät einfach nur mit dem Wind steuern lässt und man sofort merkt, wenn man etwas falsch oder richtig gemacht hat.“

Guter Zulauf
Bis zu den Jugend-Europameisterschaften am Gardasee hat sie dieses Fingerspitzengefühl in der Lenkung, gepaart mit taktischer Raffinesse und genauer Beobachtungsgabe, bereits getragen. Ausgeträumt hat es sich für die Athletin damit aber noch lange nicht: „Auch wenn ich keine Chancen auf die vorderen Plätze haben werde, brenne ich natürlich schon für einen Start bei den Weltmeisterschaften. Das ist definitiv noch ein Ziel meiner sportlichen Karriere.“ Wann sie diese hohen Ambitionen erreichen kann, vermag sie allerdings kaum zu sagen – schließlich läuft parallel zum Wassersport das Studium an der Universität Stuttgart weiter. Ob mit oder ohne Weltmeisterschaft – auf Loos wartet im nächsten Jahr definitiv eine spannende Saison: Erstmals wird sie dann nur in der Damenwertung antreten, das Jugendklassement endet mit dem 19. Lebensjahr. Damit nach dem Ausstieg der Europe-Spitzenfrau in der Jugend kein Vakuum entsteht, legt der 1. Vorsitzende des Stuttgarter Segel-Clubs, Günter Wiedemann, weiter den Fokus auf die Rekrutierung des Nachwuchses. Bereits in diesem Jahr verfolgte er die sportlichen Erfolge der Jungtalente mit besonderer Freude: „Wir hatten jetzt über einige Jahre hinweg eine Delle in der Entwicklung. So langsam arbeiten wir uns aber aus dem Tal hinaus und den Berg wieder hinauf.“ Insbesondere gelte das für die Jugendabteilung, so Wiedemann, die seit kurzem wieder gehörig anwächst: Segeln scheint selbst im gewässerarmen Süden ein gefragter Sport zu sein. Vermutlich ist es die unbändige Begeisterung für dieses andere Element, die immer neue Gesichter zum Segel-Club nach Hofen treibt – eine Begeisterung, die auch Viola Loos in jeder ihrer Antworten durchblitzen lässt. Für die amtierende baden-württembergische Jugendmeisterin folgt nun erst einmal der kalte und segelarme Winter, ehe es im Frühjahr wieder heißen wird: Segel setzen und auf zu neuen Ufern.

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Bericht: Felix Heck - Foto: Fabian Bach
Quelle: Erschienen am 18.11.2018 in der Cannstatter/Untertürkheimer Zeitung